Damit ist tatsächlich alles gut.
Und erst dann sind wir wirklich unsere innere frei unbegrenzt liebende Natur.
So wie es die Wölfe sind.
***
Alle waren sie zurück. Freude stellte sich ein. Als wir in die Schwitzhütte gingen,
brachen Jubel und Gelächter aus. Wir hatten nur begrenzt Decken mit dabei und so
deckten wir die Schwitzhütte mit Farnen ab, die nicht wirklich dicht waren. So kam es,
dass wir nicht wie erhofft in totaler Dunkelheit saßen, sondern immer wieder milchiges
Licht durch die Farnblätter schien, obwohl wir gefühlt einen halben Meter dick Farn auf
die Hütte legten.
Das hielt uns nicht das davon ab, zu danken und immer wieder in einzelnen Momenten
innezuhalten. Es hielt uns auch nicht davon ab, vor Freude zu singen und Schreie der
Erleichterung auszustoßen.
Und während wir da saßen, verdichteten sich die Gewitterwolken, der Wind, der die
Wolken nun schon fünf Tage vor sich hergetrieben hatte, erstarrte. Als wir mit unserer
Schwitzhüttenzeremonie fertig waren und die Schwitzhütte verließen, fiel ein erster
Tropfen herab.
Groß, schwer und prall, voll gefüllt mit reinigendem Wasser. Weitere Tropfen folgten und
es fühlte sich an, als ob silberne Tränen der Reinigung vom Himmel fielen. Sie
berührten unsere Haut und schenkten unseren müden Körpern Feuchtigkeit. Es fühlte
sich an wie eine große Belohnung nach den Entbehrungen der letzten Tage, auf diese
Art und Weise gereinigt und gesalbt zu werden.
***
Dann war sie vorbei, die Schwitzhütte und es begann zu regnen.
Zunächst in dicken, schweren Tropfen, die auf der Haut
einschlugen wie kleine Steine. Der Himmel tanzte in der Abenddämmerung, man
konnte den Wind und den Sturm förmlich riechen, ohne dass unsere Augen ihn
bisher sehen konnten. Im Tal war es windstill. Unheimlich still. Nur die großen, dicken
Regentropfen auf unserer Haut, die nun vermehrt auf uns landeten und immer wieder
neu auf unserer Haut explodierten wie kleine Bomben.
Der Himmel öffnete sich etwas und ließ die Berge, die Wälder und uns in einem
merkwürdigen, milchigen aber gleichzeitig goldenen Licht erscheinen. Zumindest
empfanden wir es so.
Die Regentropfen, das goldene Licht das sich durch die dunklen Wolken schob und
nicht zuletzt der sich ankündigende heftige Sturm ließen uns euphorisch werden.
Wir hatten es geschafft, die Visionssuche war vorbei. Wir waren neugeboren. Nicht
mehr geknechtet, nicht mehr unterworfen und auch nicht den Gezeiten ausgeliefert.
Nein – frei und dankbar waren unsere Gefühle, angesichts der überwältigenden
Natur, die uns noch einmal ihre Kraft und wahre Schönheit zeigen wollte. Und wir
waren Teil, waren ganz Element, ganz Wasser, ganz Feuer, ganz Erde und ganz
Luft. Wir waren Mensch und Schöpfung gleichzeitig, ein Teil davon und doch auch
alles.
Und wir hatten keine Furcht. Die Anspannung der letzten Tage löste sich zusehends.
Das Wasser wusch es ab, die Regentropfen vitalisierten uns. Eine ungeheurere Kraft
setzte sich frei, spiegelte sich am Himmel, der sich förmlich vorzubereiten schien,
sich noch einmal zusammenzog, noch einmal einatmete, um dann freizusetzen was
immer schon da war.
Genau in diesem Moment hob Martin die Arme, spannte seinen Oberkörper, um
einen Schrei auszustoßen der animalischer nicht hätte sein können. Auf dieses
Zeichen hatte wohl die Natur gewartet. Die Winde berührten nun die Erde, Blitze,
begleitet von heftigem Donner erschienen über uns.
Dankbar standen wir im stärker werdenden Regen und mir fiel ein, was mir die letzten
Tage immer wieder in meinem Kopf und in meinem Herzen auftauchte, als wiederkehrender Refrain der Visionssuche:
Mit dem Regen kommen die Wölfe.
