Heilung aus schamanischer Sicht

Krankheit ist immer ein Ungleichgewicht.

Dieses Ungleichgewicht kann auf unterschiedlichste Arten zum Ausdruck kommen, körperliche, seelische oder geistige. Es kann zur Abgeschnittenheit vom Selbst und/oder von der Umwelt führen und Rat-, Kraft- und Ziellosigkeit sind mitunter Konsequenz. Wir treten auf der Stelle, Probleme und Schwierigkeiten wiederholen sich, ohne dass wir die Gründe einsehen oder Lösungen finden könnten. In den meisten Fällen zeigt sich solch ein Ungleichgewicht auf verschiedenen Ebenen, da unsere Seele auf unterschiedlichste Weisen symptomatisiert.

Das Bestreben des Schamanen liegt darin, die Ursachen des Unrund-seins zu finden, Energien auszugleichen und den Menschen in seine Mitte und sein Gleichgewicht zu führen.

Hierbei soll gesagt sein, dass niemals gegen, sondern immer für etwas gearbeitet wird - für Heilung, für Wachstum, für Verbundenheit. Alles hat seinen Platz und seine Berechtigung und so sucht der Schamane nach Wegen, Krankheiten und Leid zu transformieren und in die Heilung zu führen. Oftmals seiner Schieflage bringen und für ein dauerhaftes Gleichgewicht sorgen.

Die größte Nachhaltigkeit wird dabei in Zusammenarbeit zwischen Klient und Schamane erreicht. Der Schamane ist um einen möglichst stimmigen und möglichst heilsamen Weg bemüht, aber auch der Klient sollte die Verantwortung für seine ganzheitliche Heilung übernehmen und damit beginnen, immer mehr auf sich zu achten und auch seine Umwelt nach seinen Bedürfnissen auszurichten. Ganzheitlichkeit bedeutet oft, dass manches umstrukturiert werden muss, Umstände und Verhaltensweisen zu ändern sind. Neben dem direkten Heilungsbemühen, unterstützt der Schamane diese Veränderungen, damit Entwicklung und Wachstum Raum finden und Heilung ganz und nachhaltig zu Tage tritt.

Die Unantastbarkeit des freien Willens ist hierbei von grundlegender Wichtigkeit und jegliches übergriffliches Handeln ist nicht zu billigen, diese unumstößliche Verantwortung gehört zur schamanischen Arbeit dazu. Er sollte sich als Diener des Menschen verstehen und steht ihm keinesfalls zu, für andere die Entscheidungen zu übernehmen.

Unsere Seele strebt nach Wachstum und Ganzheit. Sie strebt aber auch danach, ihre Berufung und Lebensaufgabe zu erkennen und leben zu dürfen. Leider haben wir oftmals verlernt, auf unsere innere Stimme zu hören und lassen uns dementsprechend allzu oft von unserem Verstand und reiner Rationalität leiten. Die Seele aber will erhört und gelebt sein. Die Seele weiß, bevor wir wissen. Verdrängen wir diese Stimme und Verneinen dementsprechend unsere Seele, sind Abgeschnittenheit von uns selbst und der Welt um uns herum und ein Ungleichgewicht fast unweigerlich die Konsequenzen.

Wir können uns selbst nicht in unterschiedliche Teile auftrennen, wie unseren körperlichen und den seelischen Aspekt, da sich all das in uns vereint und unsere Seele mit allem verbunden ist. Vernachlässigen wir nur einen Teil unseres Selbst, vernachlässigen wir uns als Ganzes.

Um Ganzheit zu erlangen müssen auch die verloren gegangen Anteile unserer Seele wieder zu uns finden. Ausgelöst durch traumatische Erfahrungen und aus Schutz des Verbleibenden spaltet unsere Seele Teile ab, die sich zurückziehen, sodass der Mensch trotz Widrigkeiten überleben kann. Beispiele hierfür wären schwerwiegende Unfälle, das zu wenig oder zu sehr Geliebt-sein in der Kindheit oder aber zu wenig oder sogar überhaupt kein Raum für Entwicklung und Wachstum. Gewalt im Allgemeinen ist ebenso ein Beispiel, vor allem jedoch, wenn sie gegen sich selbst gerichtet ist, darin inbegriffen ist ebenso heftiger Drogen- oder Alkoholmissbrauch. Manchmal kommt es sogar vor, dass Seelenanteile schon während der Schwangerschaft der Mutter verloren gehen, wenn diese beispielsweise von starken Existenzängsten geplagt ist oder das Kind nicht willkommen ist.

Bei alldem soll nicht vergessen werden, dass so wie wir Menschen, auch unsere Seelen nicht alle gleich sind und folglich können Geschehnisse für den Einen ein schweres Trauma hervorrufen, für den Anderen allerdings von weniger oder gar keiner großen Bedeutung sein. Das heißt, dass Verluste von Seelenanteilen nicht immer und automatisch durch bestimmte Situationen vorprogrammiert sind. Zudem ist es möglich, dass verloren gegangene Anteile von alleine nach einiger Zeit zu uns zurückfindet und sich Heilung einstellen kann. Ein starker Wunsch und aktives Streben nach Ganzheit und dem Heil-werden ist dabei grundlegend als Fundament für jeden Heilungsprozess, der oft zu einer Schritt für Schritt wachsenden und neuen Ausrichtung im Leben des Menschen führt und nur so Heilen tatsächlich und nachhaltig möglich ist.

Aus naturspiritueller Sicht beschränkt sich Heilung also nicht einfach auf körperliches Wohlbefinden, was allgemein als Gesundheit bezeichnet wird und damit ist oft ein perfekt funktionierender Körper und eine Psyche gemeint, die auf die sozialen und ökonomischen Umweltanforderungen ausgerichtet ist. Heilung ist aber mehr als das, sie beinhaltet auch eine Lebenseinstellung, eine Bereitschaft und den Wunsch, zu leben und tatsächlich heil und ganz zu werden. So ist auch ein Schamane nicht nur ein Heiler, sondern auch Lebensberater und Seelsorger, in dem Streben, Raum und Möglichkeiten zu schaffen, in denen der Mensch sich selbst und seine eigene Welt erleben und leben kann. Heilen heißt wachsen und Wachstum ist niemals ein passiver Prozess, sondern bedeutet aktives Teilhaben an sich selbst und seinem Leben.

Mittelpunkt ist immer der Mensch mit seinem Reichtum an individuellen Erfahrungs- und Wachstumsmöglichkeiten. Wer seinen Weg geht, geht immer auch ein Stück in Richtung Ganzheit und auch in Richtung Heilung.