Das Erdenkind

(Diese Geschichte wurde mir 2014 am Amazonas in einer Vision von den Spirits erzählt)

Das Erdenkind wurde in die Erde geboren. Sein Vater war der Himmel, seine Mutter der Amazonas. Das Erdenkind war der Hüter der Erde, der Hüter aller Menschen, Tiere und Pflanzen. Das war eine große Aufgabe, doch übernahm das Erdenkind diese gern.

Eines Tages besuchte die Anaconda das Erdenkind. "Erdenkind schau", sagte sie, "die Sümpfe trocknen aus und die Fische liegen auf dem Trockenen. Erdenkind, Hüter der Welt, bitte hilf...". Kurz darauf erschien auch der Kolibri: "Erdenkind, das Fröhliche der Welt verschwindet immer mehr! Komm und schau..."

Als sich das Erdenkind, die Anaconda und der Kolibri auf den Weg machten, begegneten sie dem Jaguar. "Die Wälder verschwinden"- und als er das sagte, kam ein großer Schatten über sie.

"Hey, ihr da unten", rief es, "ich komme aus den hohen Bergen, dort wo der Schnee zu Hause ist. Ich möchte euch warnen, die Luft verschwindet". Es war der Hüter der Lüfte, der Kondor.

Und so zogen sie zu fünft weiter durchs Land, durch den Dschungel. An die großen Wasser, in die Sümpfe und Berge. Überall bot sich ihnen das gleiche Bild: die Erde lag im Sterben und es gab kein Lachen mehr. Das Erdenkind wurde sehr traurig und fing an zu beten. Es rief seinen Vater an, seine Mutter und alle Geister der Natur. Die Antwort, die es erhielt, war deutlich und einheitlich.

"Besuche die Menschen und bringe ihnen Geschenke mit, die dir deine Begleiter geben sollen". Und so machte es sich auf ins Menschendorf, mit den wertvollsten Geschenken, die es gab. Mit einer Kondorfeder, einem Jaguarzahn, einer bunten Kolibrifeder und einer Schuppe aus der Haut der Anaconda. Aber als es im Dorf die Geschenke übergeben wollte, lachten die Menschen nur. Das Erdenkind blickte sich um und sah Zerstörung, Neid, Arroganz und Abgeschnittenheit. Jegliches Gefühl hatte die Menschen verlassen. Aber das Erdenkind spürte, dass die Menschen nicht schlecht waren, aber ein Dämon hatte sie befallen, und so fragte es Vater und Mutter, was es denn tun könne.

Es wandte sich an die Himmelsrichtungen und deren Spirits, an die Anaconda, den Kolibri, den Jaguar und den Kondor. Daraufhin kam ein mächtiger Sturm, der die Erde unter tosenden Wassermassen begrub und mit ihr den Dämon und die Menschen.

Tausende von Jahren vergingen, bevor die Wassermassen sich zurückzogen und die Schildkröten begannen, Erde und Sand aus der Tiefe zu holen, um eine neue Welt zu bauen, die sich selbst erschuf. Irgendwann, sehr viel später, wurde aus dem Schlamm des Amazonas ein neuer Mensch geschaffen, und das Göttliche und seine Helfer, die 4 Richtungen, die Anaconda, der Kolibri, der Jaguar und der Kondor gaben ihm Herz und Verstand, und den Willen der freien Wahl.